Leseprobe

Isch bin dann mal ford – Vom Jakobsweg zueiner neuen Sprache des Zuhörens

Inhalt

LESEPROBE

Isch bin dann mal ford – Norbert Schneider

Auszüge aus Kapitel 0/Prolog, Kapitel 9 und Kapitel 14 (leicht gekürzt).

Auszug 1 – Warum ich schreibe & Prolog: Wind bei Oia

Es gibt Wege, die man geht, ohne genau zu wissen, wo man
ankommt. Mein Camino 2017 war so ein Weg.

Der Wind vom Atlantik schlug mir ins Gesicht, als wolle er
mich ein letztes Mal fragen, ob ich das wirklich ernst meine.

Ich stand auf den Felsen vor Oia. Unter mir das Krachen der
Wellen gegen die dunklen Steine, vor mir das Meer, salzig und weit. In mir all
die Jahre, in denen ich mir eingeredet hatte, dass „später“ schon irgendwann
kommen würde. Der Rucksack zog an meinen Schultern. Die Muskeln brannten von
den vergangenen Tagen, die Finger waren kalt, die Socken seit Stunden feucht.
In den Füßen dieser lange, stumpfe Schmerz, der sich irgendwann nicht mehr wie
Schmerz anfühlt, sondern wie die Hintergrundmusik des Gehens.

Und trotzdem wusste ich: Wenn ich jetzt einfach zurück in
mein altes Leben ginge – in das Haus in Hessen, in die Firma, in den Alltag –,
würde ich es dort nicht mehr aushalten. Nicht noch einmal dieses

„Weiter so“, bei dem man immer häufiger über das
Weitermachen spricht, statt wirklich zu leben.

Der Wind zerrte an der Jacke, fuhr mir in die Kapuze,
brüllte mir ins Gesicht, als wolle er erklären, dass er hier schon länger steht
als alle meine Pläne zusammen. In mir war es still. Nicht die gemütliche Stille
eines Sonntagnachmittags, sondern diese besondere Ruhe, die entsteht, wenn man
alle Argumente schon hundertmal mit sich selbst diskutiert hat und irgendwann
merkt: Die Entscheidung ist längst gefallen.

Weiter oben im Rucksack lag ein kleiner Stein.
Unspektakulär, unsauber abgeschlagen, ein Stück vom Weg, das ich für einen Mann
mitgenommen hatte, den ich besuchen wollte und den es nicht mehr gab. Für
Georg.

„So hatten wir uns das nicht vorgestellt“, sagte ich in den
Wind hinein. Die Antwort kam von innen, wie immer, wenn es ernst war. Sie
brauchte keinen Mund: Du bist trotzdem hier.

Es hätte ein Moment fürs große Infragestellen sein können:
Was machst du hier eigentlich? Was fällt dir ein, in deinem Alter mit Rucksack
am Atlantik herumzulaufen? Mein inneres Aufregungsbarometer stand irgendwo
zwischen „Was tust du da?“ und einer ruhigen Form von „Endlich“. Und genau in
diesem Zwischenraum bemerkte ich, dass zum ersten Mal seit Langem nichts in mir
gegen diesen Augenblick argumentierte. Keine innere Buchhaltung, die Kosten und
Nutzen abwog. Kein innerer vernünftiger Mann Mitte fünfzig, der auf
Rentenpunkte und Sicherheit zeigte.

 „Es gibt Wege, die man geht, ohne genau zu wissen, wo man ankommt.“

 

Auszug 2 – Kapitel 9: Der Stein in Oia

Ich lief auf einem Holzweg am Atlantik entlang. Links die
Brandung, rechts Felsen und Gras, der Wind kam von vorne und machte keine
Anstalten, nachzulassen. Es war kein Strandwetter. Es war Windwetter.
Camino-Wetter.

In meiner Jackentasche steckte ein Stein. Ich hatte ihn
unterwegs aufgehoben, irgendwann an diesem Küstenabschnitt. Kein besonderer
Stein – grau, handlich, unscheinbar. Er lag gut in der Hand, hatte Kanten, an
denen man hängen bleiben konnte, wenn man ihn zu lange festhielt.

In meinem Kopf hatte er längst einen Namen: für Georg.

Ich setzte mich, holte den Stein aus der Tasche und drehte
ihn in der Hand. Er fühlte sich schwerer an als heute Morgen.

Ein Stein, ein Meer und ein Satz ohne Ausrede

„Na, Georg“, dachte ich. „Da sind wir jetzt. Du in meiner
Hand, ich hier oben, das Meer da unten.“

Ich dachte an das letzte Telefonat, an Sätze, die wir nicht
gesagt hatten. Daran, wie ich Besuche verschoben hatte. Daran, was ich mir
alles schön erklärt hatte.

In mir meldete sich eine vertraute, nüchterne Stimme:

Du bist nicht gefahren. Punkt.

Keine Entschuldigung, keine Ausrede – nur dieser Satz.

Ich ließ ihn einen Moment so stehen. Spürte, wie er brannte.
Dann fragte eine andere Stimme leise:

Ist es wirklich alles, was über dich und ihn wahr ist? Dass
du „nicht gefahren“ bist?

Oder gehört dazu auch: Du hattest Angst. Du warst
überfordert. Du konntest damals nicht anders? Es war keine Absolution, kein
„Ich konnte ja nichts dafür“.

Es war nur der Versuch, wahrzunehmen, was wirklich da war:
Schuldgefühle, ja. Aber auch Überforderung, Hilflosigkeit, Ohnmacht.

Ich saß da, der Wind zerrte an meiner Jacke, der Stein lag
in meiner Hand, und irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich wusste: Ich
kann das Rad nicht zurückdrehen. Ich kann nicht nachträglich am Krankenbett
sitzen, keine alten Gespräche führen, kein „Wir packen das schon“ nachliefern.

Aber ich kann entscheiden, was ich mit diesem Stein mache.
Heute. Hier. Ich stand auf.

„Es tut mir leid“, dachte ich. „Und danke.“

Mehr hatte ich nicht. Mehr brauchte es vielleicht auch
nicht.

Ich holte Luft, nahm den Arm zurück und warf den Stein ins
Meer. Kein großes Geräusch, kein Spritzen bis zum Himmel. Nur ein kurzer,
kleiner Aufprall irgendwo unten – und dann war er weg.

Für einen Moment war es still in mir. Heute-Blick – Oia als
leiser Abschied

Wenn ich heute an Oia denke, sehe ich weniger den Moment, in
dem der Stein ins Wasser fiel. Ich sehe: den Holzweg am Meer, den Wind, der mir
das Gesicht freibläst, einen Mann, der viel zu spät Abschied nimmt – und
trotzdem anfängt, sich selbst nicht mehr ganz im Weg zu stehen.

Oia war kein großes Drama. Keine Musik, keine Rede, keine
Zeugen.

Es gab nur einen Stein, ein Meer und einen Mann, der endlich
tut, was längst dran war. Vielleicht ist das der eigentliche Kern von
Abschieden:

Man bekommt keinen perfekten Moment. Man bekommt nur den,
den man sich nimmt.

Später, als ich längst wieder zu Hause war und Menschen als
Coach begleiten durfte, tauchte dieser Tag immer wieder in mir auf – besonders
dann, wenn jemand vor mir saß und sagte: „Ich war zu spät“ oder

„Ich hätte noch…“.

Ich habe ihnen nicht von Oia erzählt. Aber innerlich saß ich
dann wieder auf diesem Felsen, mit dem Wind im Gesicht, einem Stein in der
Hand. Und manchmal konnte ich sagen:

„Es ist vielleicht zu spät für den perfekten Moment. Aber
nicht zu spät für einen echten.“

Vielleicht hat Georg dazu beigetragen, dass ich das heute so
sagen kann.

„Man bekommt keinen perfekten Moment. Man bekommt nur
den, den man sich nimmt.“

 

Auszug 3 – Kapitel 14: Ein leiser Camino im Alltag

Es gibt Wege, auf denen man sich Blasen läuft.

Und es gibt Wege, auf denen man still ein paar alte Rollen
auszieht.

Mein Alltag heute hat auf den ersten Blick nicht mehr viel
mit Holzstegen, Wadenkrämpfen und nassen Socken zu tun.

Kein Rucksack im Flur, keine Muschel an der Tür.

Stattdessen: ein Raum mit Tisch, Stühlen, einer Kanne
Wasser, Taschentüchern, einem Notizblock. Draußen steht der Name einer
Berufsbildungsstätte im Norden.

Drinnen sitze ich als Jobcoach Menschen gegenüber, die an
einem ähnlichen Punkt stehen, wie ich damals, bevor ich den Camino gegangen
bin: müde, genervt, festgefahren.

Mit Sätzen wie: „So kann es nicht weitergehen – aber ich
habe keine Ahnung, wie.“ Manchmal denke ich dann: Willkommen auf deiner Etappe.

Ein Coachingraum statt Serverraum

Früher bin ich in Serverräume gegangen, wenn es gebrannt
hat. Heute gehe ich in Coachingräume.

Damals roch es nach Staub, warmem Plastik und Kaffee aus
Pappbechern.

Heute riecht es nach Papier, nach Menschen, nach dem leisen
Nervössein, das entsteht, wenn man zum ersten Mal laut sagt: „Ich brauche
Hilfe.“

Eine Teilnehmerin um die fünfzig sitzt mir gegenüber.

Sie ist eine von vielen: Menschen mit Brüchen im Lebenslauf,
mit Lücken, mit Umwegen – oft geschickt vom Jobcenter, manchmal freiwillig,
manchmal mit verschränkten Armen.

„Ich weiß gar nicht, was Sie mit mir anfangen sollen“, sagt
sie und lacht kurz, ohne dass es fröhlich klingt.

Vor ihr auf dem Tisch liegt ein dicker Ordner, sauber
sortiert: Registerstreifen, Klarsichthüllen, alles an seinem Platz. Es wirkt,
als hätte sie ihr Leben in Plastik verpackt.

„Mein Lebenslauf ist … na ja … ein einziges Durcheinander.“

Sie blättert den Ordner auf, zeigt auf Lücken, abgebrochene
Versuche, Phasen der Pflege, Zeiten ohne Arbeit. „Da. Und da. Und da. Ich
schäme mich jedes Mal, wenn ich das jemandem zeigen muss.“

Sie tippt mit dem Finger auf eine Zeile, als sei sie ein
Beweisstück.

„Hier habe ich aufgehört. Das war wieder so ein Punkt, wo
ich es nicht mehr geschafft habe.“ In mir meldet sich die alte Reflex-Stimme:

Du könntest jetzt sagen, dass Pflege Arbeit ist. Dass
Erziehung Arbeit ist. Dass Krankheit Teil des Lebens ist.

Eine andere Stimme sagt leiser: Warte. Lass sie erst selbst
schauen, was sie noch sieht.

„Was sehen Sie, wenn Sie diese Zeile anschauen – außer
Scham?“, frage ich. Sie will zuerst etwas Schnelles sagen, hält dann inne.
„Ehrlich?“, fragt sie.

Ich nicke.

„Ich sehe, dass ich da nicht mehr konnte“, sagt sie leise.
„Und dass ich trotzdem weitergemacht habe. Irgendwie.“

Wir bleiben bei diesem Satz. Ich schreibe ihn auf einen
Zettel und schiebe ihn zu ihr rüber: „Das ist auch Ihr Lebenslauf“, sage ich.
„Nicht nur die Daten. Auch der Satz: ‚Ich konnte nicht mehr – und ich bin
trotzdem weitergegangen.‘“

Sie schaut den Zettel an, als sei er etwas Fremdes. Dann
legt sie die Hand darauf.

Nach einer Weile schiebt sie ihn in die erste Klarsichthülle
ihres Ordners – ganz nach vorne. „So hat mir das noch niemand gesagt“, flüstert
sie.

Später sprechen wir praktisch über Bewerbungen, über
Stellen, über Formulierungen. Manchmal sagt jemand am Ende:

„Ich hätte nicht gedacht, dass mir einfach Zuhören so
hilft.“

Dann denke ich an all die Male, in denen ich selbst jemanden
gebraucht hätte, der neben mir sitzt, nicht urteilt und eine Frage stellt, die
nicht nach „Reparatur“ klingt, sondern nach:

„Wo willst du hin?“

 „Ich hätte nicht gedacht, dass mir einfach Zuhören so hilft.“